Gemeinschaft ist: eine Weihnachtsgeschichte

„Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde zum Glück schon.“ Das hatte Franky – mein Mitbewohner während des Studiums – immer schwermütig lächelnd geseufzt, wenn wir uns verabschiedeten, um Weihnachten bei unseren Eltern zu verbringen. Den Spruch hatte ich zwar schon tausendmal gehört, aber noch nie wirklich darüber nachgedacht.

Also dachte ich nun darüber nach, während ich im Zug auf dem Weg zurück in meine Heimat war. Es war das erste Mal, dass Anna und ich diese Reise mit unserem kleinen Sohn unternahmen. Luis schlief seit einer halben Stunde in Annas Arm und auch Anna war eingedöst. Diese kleine Familie hatte ich mir ausgesucht und ich war zutiefst glücklich darüber.

Aber ich freute mich auch schon sehr auf den Rest meiner Familie. Irgendwie sogar auf Onkel Herbert, ein „Griesgram vor dem Herrn“, wie meine Oma zu sagen pflegte. Einer, der durch vorsätzliche Miesepetrigkeit die weihnachtliche Stimmung problemlos auf den Nullpunkt bringen konnte, wenn ihm danach war.

Frankys Familie schien ausschließlich aus Personen wie Onkel Herbert zu bestehen. Auch wenn mir inzwischen klar war, dass seine Erzählungen ein wenig dramatischer klangen, als es in Wirklichkeit war. Was ich aber auch wusste: Ich hätte mein Weihnachtsfest um nichts in der Welt mit seinem tauschen wollen. Wir näherten uns unserem Ziel und ich stellte erstaunt fest, dass es bei dem Gedanken daran angenehm in mir kribbelte.

Als berüchtigt-perfektionistische Dekorationsbeauftragte war meine Mutter vor Weihnachten ebenso angestrengt wie anstrengend, besonders seit Oma vor einigen Jahren die Rolle der traditionellen Gastgeberin an sie abgegeben hatte. Nun trafen sich alle im Haus meiner Eltern und ich war ganz froh, dass Anna und ich von der ganzen Aufregung während der Vorbereitung nichts mitbekamen. So war es wieder ein bisschen wie ganz früher, als an Heiligabend das Wohnzimmer bis zum Glöckchenklang verschlossen blieb, bis man mich dann in geballt funkelnder Festlichkeit empfing. Diese Momente sind einfach unvergesslich.

Daran gedacht hatte ich allerdings schon ewig nicht mehr. Hätte man mich gefragt, ob ich ein großer Weihnachtsfan bin – mit Xmas-Sweater und Last Christmas in Dauerschleife oder so –, hätte ich schaudernd verneint. Was ich jedoch an Weihnachten liebte, war, dass es uns alle zusammenbrachte. Das unterschied mich definitiv von Franky.

Das Einzige, was mein ehemaliger Mitbewohner an Weihnachten liebte, waren die Plätzchen meiner Oma. Davon bekam ich jedes Jahr eine extragroße Ration mit auf die Rückreise. In der Großstadt, in der ich nun lebte, gab es laut Oma ja sonst „nix mit Liebe Gemachtes“. In ihren Weihnachtsplätzchen steckte wirklich viel Liebe. Und mindestens ebenso viel Butter. Das Rezept war ein Familiengeheimnis. Zu Hause gab es alljährlich das gleiche Schauspiel, wenn feierlich die speziell für Weihnachten reservierte Blechdose geöffnet wurde und alle betont überrascht im Chor fragen: „Nanu, was duftet denn auf einmal so gut?“ Oma lachte jedes Mal und alle anderen dann auch. Damit war unser Familienfest sozusagen offiziell eröffnet.

Als ich so in Erinnerungen schwelgte, öffnete plötzlich ein Schaffner die Tür zu unserem Abteil. Um Anna und Luis nicht zu wecken, flüsterte er ganz leise: „Guten Abend, Personalwechsel. Ihren Fahrschein, bitte“. Ich reichte ihm unser Ticket. Er nahm es, warf einen kurzen Blick darauf und gab es mir mit einem freundlichen Nicken zurück. Dann flüsterte er: „Wollen Sie vielleicht auch ein bisschen schlafen? Ich komm in zwei Stunden wieder vorbei und pass auf, dass Sie Ihre Haltestellte nicht verpassen.“

„Das ist ja ein toller Service, vielen Dank!“, flüsterte ich. Der Schaffner lächelte und machte die Tür unseres Abteils wieder zu. In diesem Moment war ich voller Dankbarkeit. Nicht nur für meine Familie, sondern auch für Menschen wie diesen Schaffner, der es mit seiner Arbeit erst möglich machte, dass Anna, Luis und ich so komfortabel nach Hause fahren konnten.

Ich blickte aus dem Fenster auf die abendliche Landschaft und ließ vor meinem inneren Auge Kindheitserinnerungen vorbeiziehen. Weihnachten verband mich mit dem, was ich mir zwar nicht ausgesucht hatte, aber eigentlich nicht besser hätte treffen können: eine Familie, die etwas gemeinsam hat. Etwas, das zusammenhält. Auch wenn man gar nicht daran denkt.

Wieder dachte ich an Franky. In unserem ersten Jahr als WG hatte ich Omas Weihnachtsplätzchen auf den Küchentisch gestellt. Als Franky hereinkam, fragte er nur: „Mann, was riecht denn auf einmal so gut?“ Ich wär fast umgekippt vor Lachen. Nachdem ich ihn aufgeklärt hatte, ernannte er die Plätzchenduftbewunderung zum „ersten coolen Weihnachtsritual“ seines Lebens.

Im Jahr darauf erzählte ich meiner Oma davon und seitdem gibt es an Weihnachten ein neues Ritual: Beim Verabschieden drückt Oma mir seither immer heimlich ein zweites Plätzchenpaket in die Hand und flüstert: „Für Franky!“, obwohl wir schon lange nicht mehr zusammenwohnen. Aber wir sehen uns noch regelmäßig. Am liebsten kommt Franky uns gleich nach den Feiertagen besuchen, um mit uns ein zweites Mal Weihnachten zu feiern.

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