Gemeinschaft ist: Wenn man sich gegenseitig weiterhilft

Da war er also: Der Moment, auf den Markus die letzten fünf Jahre so verbissen hingearbeitet hatte. Für den er mindestens ein halbes Dutzend Textmarker aufgebraucht, eine leichte Coffein-Abhängigkeit entwickelt und sogar Latein gelernt hatte. Der Moment, der gleichzeitig eine besonders schöne Phase seines Lebens beendete und eine völlig neue anfangen ließ.

Etwas unruhig stand er in einem schmucklosen Büro und sah einer freundlichen Verwaltungsangestellten dabei zu, wie sie alphabetisch geordnete Registrierkarten durchging. Dann zog sie mit geübtem Griff eine Mappe heraus und überreichte ihm den Inhalt. Es war sein Examenszeugnis. Als er es endlich in den Händen hielt, wurde ihm ganz warm ums Herz. Er bedankte sich, verstaute sein Zeugnis in seinem Rucksack und verließ das Büro.

Vor dem Prüfungsamt wartete bereits Basti, der sich heute ebenfalls sein Abschlusszeugnis abgeholt hatte. „Herzlichen Glückwunsch!“, rief er und klopfte Markus auf die Schulter.
„Danke“, sagte Markus. „Komm, lass uns zum Abschluss noch ein letztes Mal gemeinsam durch die Uni laufen.“

Zuerst kamen sie am Büro der Fachschaft vorbei. „Weißt du noch, wie wir uns hier kennengelernt haben?“, fragte Basti. „Gleich am ersten Tag, bei der Einführungsveranstaltung…“
„Klar weiß ich das noch“, sagte Markus. „Du hattest damals eine sehr dicke Hornbrille auf, daher dachte ich: Der weiß sicher, wo’s langgeht.“
„Böser Fehler!“, sagte Basti. „Ich hatte damals überhaupt keinen Plan. Selbst den Weg von der Cafeteria in die Bibliothek habe ich nicht gefunden.“
„Es gibt hier eine Bibliothek?“, fragte Markus im Scherz, dann gingen sie weiter.

Als sie am Seminarraum 216 vorbeigingen, fragte Markus: „Hier drinnen war doch dieses schreckliche Pflicht-Seminar, das der sadistische Dozent auf Montag, 8:30 Uhr, gelegt hatte. Ich wäre sicher eingeschlafen, wenn du mir nicht immer einen Kaffee mitgebracht hättest.“
„Daran erinnere ich mich gut“, sagte Basti. „Und weißt du noch, wie ich einmal tatsächlich eingeschlafen bin? Bei diesem superlangweiligen Referat über Goethes Italienische Reise. Zum Glück hast du mich da so dezent geweckt. Sonst hätte es echt peinlich werden können…“

Vor dem Hörsaal IV blieb Basti stehen. „Und hier drin haben wir uns mit mittelhochdeutscher Grammatik gequält. Noch mal vielen Dank, dass du die Ablautreihen mit mir geübt hast.“
„Und? Kannst du sie noch?“, fragte Markus. „Rîten, rîte, reit, riten, geriten.“
„Und dann: Zîhen, zîhe, zêh, zigen, gezeigen“, sagte Basti.
„Gezigen, nicht gezeigen“, korrigierte Markus.
„Streber!“, erwiderte Basti schmunzelnd.

Markus hielt vor dem Hörsaal II inne. „Ach ja, die Dadaismus-Vorlesung. Ich war damals so verliebt in Karin. Du weißt schon, die mit den roten Locken. Konnte mich überhaupt nicht konzentrieren auf das, was der Professor vorne erzählte. Wenn du mir nicht deine Mitschriften geliehen hättest, hätte ich die Klausur nie bestanden.“
„Gern geschehen“, sagte Basti, „Mich wundert nur, dass du bei der Klausur dann besser abgeschnitten hast als ich.“
„Vielleicht bin ich tatsächlich ein Streber“, sagte Markus lachend. „Komm, lass uns noch einen letzten Kaffee trinken.“

Auf dem Weg zur Cafeteria kam ihnen eine junge Frau entgegen.
„Entschuldigung“, sagte sie, „ich bin ganz neu hier. Wo ist denn die Bibliothek?“
„Einfach die Treppe da hoch und dann rechts“, sagte Basti.
Die junge Frau bedankte sich und ging zum Treppenhaus.
„Und geh am besten auch zur Einführungsveranstaltung der Fachschaft“, rief ihr Markus nach.

Als sie sich mit zwei dampfenden Bechern Kaffee an einen der Cafeteria-Tische gesetzt hatten, seufzte Markus: „Wir hatten schon eine tolle Zeit hier!“
„Fast ein bisschen schade, dass jetzt alles vorbei ist“, sagte Basti.
„Ja “, sagte Markus und nippte an seinem Kaffee, „Wobei ich mir gerade ernsthaft überlege, noch mal was anderes zu studieren.“

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