Gemeinschaft ist: klein anzufangen

„Du gibst Marie schon mit einem Jahr in die Krippe? Also, meine Kinder durften bis zum Kindergarten zu Hause bleiben.“ „Kita? Nein, das wäre nur purer Stress für Leonhard.“

Noch heute stoßen Eltern auf Unverständnis, wenn sie ihren Nachwuchs außerhalb der Familie betreuen lassen. Neben der Trennung von der Mutter werden vor allem der hohe Stress- und Lärmpegel, denen die Kleinen dort ausgesetzt sind, als Argumente gegen die Kita ins Feld geführt. Zu Recht?

Entscheidend ist, wie.

„Ist es gut oder schlecht für die Gesundheit, häufig außer Haus in Restaurants zu essen?“. Mit dieser Gegenfrage antwortet gerne Jay Belsky, Initiator einer Langzeitstudie zur Frühbetreuung von Kindern, wenn er gefragt wird, ob eine Betreuung für kleine Kinder gut oder schlecht ist. Eine der Antworten, die er oft zu hören bekommt: Es kommt darauf an, wie gut dort gekocht wird.

Und so ähnlich verhält es sich Untersuchungen zufolge bei der Kinderbetreuung: Die bloße Präsenz von Erziehern und Erzieherinnen reicht nicht aus. Vielmehr muss ein anregendes, liebevolles und vertrauensvolles Umfeld bestehen, in dem die Kleinen viel Ansprache sowie Zuwendung erfahren. Und dann ist alles perfekt? Natürlich hängt es auch immer von der individuellen Entwicklung und Persönlichkeit des Kindes ab, ob und wie es sich in der Kita wohlfühlt. Dennoch sind sich viele Experten heute einig: Kinder können von einer Betreuung in der Kita profitieren.

Kitas – moderner Ersatz für die Großfamilie?

Während noch vor Jahrzehnten Kinder in Großfamilien gemeinsam mit mehreren Generationen aufwuchsen und das Miteinander von klein auf lernten, sind heute viele Kids Einzelkinder und sind es gewohnt, dass ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.

Genau hier kann die Kita Ausgleich schaffen, so die Experten: Sie kann nicht nur dabei helfen, dass Kinder außerhalb von Familie und elterlicher Aufmerksamkeit neue Anregungen und Inspirationen erhalten – sie hilft vor allem beim Lernen sozialer Fähigkeiten. Studien zeigen, dass für die Bildung von Gemeinschafts- und Teamfähigkeit besonders die Gruppe von Gleichaltrigen wichtig ist. Doch warum ist das so?

Gemeinsam zur Gemeinschaft.

Laut Erziehungsexperten und -wissenschaftlern müssen Kinder durch die Interaktion mit Gleichaltrigen bereits früh lernen, die Meinung anderer einzubeziehen und Kompromisse zu finden. Zudem erleben sie Situationen, in denen gemeinsames Tun möglich, von Vorteil oder sogar zwingend notwendig ist. Sie lernen dadurch sich selber und andere Kinder besser kennen und können die eigenen Handlungsspielräume ausloten. Sie übernehmen neue Rollen und beginnen, eine besondere Sensibilität für andere zu entwickeln. So kann dann nach und nach aus dem bereits starken „Ich“ ein noch deutlicheres „Wir“ werden.

Ist die Kita also Grundvoraussetzung, um ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln? Und sind Kinder, die zu Hause betreut werden, deshalb automatisch sozial inkompetent? Sicher nicht – aber die Kita kann abseits der Familie unbestreitbar wertvolle Impulse geben, um die Gemeinschaftsfähigkeit weiter zu fördern.
Und das zu verteufeln wäre sicher falsch. Oder?

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