Gemeinschaft ist: Geben und Nehmen in einem Paket

Es war genau 8:07 Uhr, als Sarah es endlich unter die Dusche geschafft hatte. Prompt klingelte es an der Haustüre.

Bis sie das Läuten durch das Rauschen des Wassers hindurch wahrgenommen und richtig eingeordnet hatte, dauerte es einen Augenblick. Sie und Matthias waren erst vor zwei Wochen ins neue Haus eingezogen und alles war immer noch ungewohnt.

Hektisch drehte sie das Wasser ab, trocknete sich halbwegs, warf ihren Bademantel über und schlängelte sich durch die letzten Umzugskartons im Flur hindurch zur Haustür, an der es nun bereits zum dritten Mal klingelte. „Ich komme ja schon … so schnell es eben geht, wenn man im neunten Monat schwanger ist“, murmelte Sarah bereits leicht genervt vor sich hin und öffnete, etwas aus der Puste, die Tür.

„Guten Morgen! Ich habe hier ein Paket für Meier nebenan und noch eins für Konradi aus Nummer 8 – dürfte ich das nochmal bei Ihnen abgeben?“, grinste sie der Paketbote fragend an. Sarah unterdrückte ein Augenrollen, brachte stattdessen ein halbwegs freundliches „Ja, natürlich“ über die Lippen und quittierte den Empfang.

Nun standen also noch zwei weitere Kartons im Flur – und vor allem im Weg –, und das bereits zum fünften Mal seit ihrem Einzug. Sarah ärgerte sich über sich selbst. Eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen, den Paketboten darauf hinzuweisen, dass sie nicht vorhatte, die offizielle Paketannahmestelle des Neubauviertels zu werden. Anscheinend war sie zur üblichen Zustellzeit die einzige Anwesende dort. Alle anderen, vermutete sie, waren entweder berufstätig oder brachten derweil ihren Nachwuchs in den Kindergarten oder zur Schule.

Sie waren die Letzten gewesen, deren Haus fertig geworden war, sozusagen „die Neuen“. Da Matthias seinen Urlaub schon während der Bauphase und für den Umzug aufgebraucht hatte, oblag es nun ihr, das restliche Chaos zu lichten und noch tausend kleinen Dingen im Haus einen sinnvollen Platz zu geben. Hinzu kam, dass es nur noch 14 Tage bis zum errechneten Geburtstermin waren und die Fortbewegung für sie zunehmend beschwerlicher wurde, was die Sache nicht einfacher machte.

Abgesehen von ein paar freundlichen, aber kurzen Begrüßungen auf der Straße – und natürlich von den Leuten, die ihre Pakete bei Sarah abholten – hatte sie sich bisher noch kein richtiges Bild von den neuen Nachbarn machen können. Aber das würde sich ja am nächsten Wochenende vermutlich ändern, denn da sollte ein kleines, privates Straßenfest stattfinden, das bereits vor ihrem Einzug organisiert worden war.

Mit „Auf gute Nachbarschaft“ war der mit einem Bild von anstoßenden Gläsern gestaltete Flyer überschrieben gewesen, den sie beim Einzug im Briefkasten gefunden hatten. Darunter die Details und die Bitte, nach Möglichkeit etwas für die kleine Tombola oder den Kuchenverkauf beizusteuern, mit dem das Ganze gemeinsam finanziert werden sollte.

Im Grunde eine schöne Idee, dachte Sarah, aber aufgrund der Umstände fühlte es sich eher an wie ein Pflichttermin. Sie hatte keine Zeit, sich darauf vorzubereiten. Ihre Backutensilien waren nicht einmal ausgepackt und da sie vor dem Umzug ordentlich ausgemistet hatten, war auch nicht wirklich etwas übrig, um es zur Tombola beizusteuern. Sie würden in Sachen „gute Nachbarschaft“ also vielleicht nicht gerade den besten ersten Eindruck machen, befürchtete sie.

Als es erneut klingelte, war es bereits 11:30 Uhr, Sarah längst geduscht und angezogen und ein weiterer Umzugskarton ausgepackt. Es war Frau Meier von nebenan, die ihr Paket abholen wollte. „Vielen Dank, meine Liebe! Und übrigens: Ich habe gestern Herrn Konradi getroffen, und der hat auch schon ein ganz schlechtes Gewissen, weil Sie ständig die Bestellungen der ganzen Straße annehmen müssen. Sie haben ja bestimmt Wichtigeres zu tun …“.

„Ach, nein. Das ist doch selbstverständlich!“, winkte Sarah lächelnd ab, während sie sich innerlich schon damit abfand, offenbar tatsächlich zur inoffiziellen Paketannahmestelle der Straße auserkoren worden zu sein.

„Nein, nein, im Ernst“, entgegnete Frau Meier. „Wir haben uns darüber etwas länger unterhalten und überlegt, wie wir uns bei Ihnen revanchieren könnten … und da kam uns nebenbei eine ziemlich gute Idee: Wir möchten vom Erlös unseres Straßenfestes gerne eine Paketbox für die gesamte Nachbarschaft anschaffen.“

„O ja! Das klingt wirklich nach einer guten Sache … für alle!“ Sarah überlegte kurz, ob sie gerade etwas zu erleichtert geklungen hatte, doch Frau Meier fuhr bereits fort:

„Ja, unbedingt!“, augenzwinkernd zeigte sie auf Sarahs Babybauch. „Mit diesem ‚Paket’ sind Sie ja bald erst mal vollkommen ausgelastet. Und was das Revanchieren betrifft: Bitte machen Sie sich wegen des Straßenfestes keinerlei Mühe. Ich backe mindestens einen Kuchen für Sie mit, Herr Konradi steuert ordentlich was zur Tombola bei und Sie und Ihr Mann sind einfach nur herzlichst eingeladen! Es freuen sich wirklich alle in der Nachbarschaft sehr darauf, Sie endlich richtig kennenzulernen! Ich erwarte übrigens bis Samstag kein Paket mehr, wir sehen uns also beim Fest. Bis dann!“

„Ja, okay und danke. Bis Samstag dann!“ Sarah stand noch einen Moment in der Haustür und blickte Frau Meier hinterher. Dann ließ sie ihren Blick lächelnd über die Nachbarschaft schweifen. Nein, sie kannte diese Leute noch nicht. Aber sie war sich plötzlich ziemlich sicher, dass Matthias, sie und ihr Baby hier genau richtig waren.